FSC-Holz wirklich besser?

WDR-Beitrag im Markt-Magazin (9.6.2018)

Am 9. Juni 2018 wurde im WDR-Magazin Markt ein Beitrag zur ökologischen Effektivität der FSC-Zertifizierung ausgestrahlt (Forest Stewardship Council): FSC-Holz: Wirklich besser?.  Im Beitrag äußert Pierre Ibisch Bedenken bezüglich der Nachhaltigkeit der von FSC in der Ukraine zertifizierten Praktiken. Für den Beitrag reiste er zusammen mit dem WDR-Filmteam in die Karpaten und besuchte Flächen, die von der lokal zuständigen Forstbehörde als zertifiziert bezeichnet wurden. 

Pierre Ibisch beschrieb dem WDR-Team die waldökologische Krise in den Karpaten, die v.a. damit in Verbindung steht, dass großflächig noch zu österreich-ungarischen Zeiten angelegte Fichten-Monokulturen absterben. Die kranken und absterbenden Fichten werden seit Jahren im Rahmen von mehr oder weniger großflächigen Kahlschlägen geborgen ('salvage logging'). Hintergrund ist vermeintlich, dass Kalamitäten verhindert werden sollen; häufig geht es schlicht um die Nutzung von Holz, das ansonsten für die forstliche Nutzung verloren wäre. Die 'Waldhygiene' ist weltweit sehr häufig ein Vorwand dafür, in großem Umfang Holz zu nutzen (vgl. u.a. Artikel von Prof. Jörg Müller und Kollegen).

 

Dem Ökosystem werden die Biomasse samt Nährstoffen und Lebensräumen für totholzbewohnende Lebwesen entzogen. Der Boden wird häufig großflächig freigelegt und ist Erosion und Austrocknung preisgegeben. Die zum Teil großflächige Abholzung wirkt ungünstig auf das Mikro- bzw. Lokalklima - während gleichzeitig auch in den Karpaten Folgen des globalen Klimawandels deutlich werden. Zusätzlich erfolgen auch Einschläge in den naturnahen Laubmischwäldern. Weite Bereiche der ukrainischen Karpaten sind inzwischen von der forstlichen Nutzung betroffen, wobei sich die Nutzung nach dem Abgang der Fichtenbestände für Jahrzehnte auf kleinere Flächen konzentrieren wird. Dabei geraten zusehends auch alte Wälder und Urwälder unter Druck. Gleichzeitig steigt in der Ukraine der interne Holzbedarf - u.a. als Folge der Vermeidung russischen Erdgases. 

 

Der WDR-Beitrag stellt die komplexen Sachverhalte notgedrungen recht verdichtet und vereinfacht dar. Zentral ist aber die im Beitrag aufgeworfene Frage, ob gerade auch angesichts steigenden Bedarfs nach zertifiziertem Holz in West- und Mitteleuropa garantiert werden kann, dass wahrhaftig ökologisch nachhaltig produziertes Holz - u.a. aus der Ukraine - in entsprechendem Umfang geliefert werden kann. Die Holzabnehmer wie IKEA oder OTTO signalisieren schlicht, dass sie dem FSC-Siegel vertrauten. Allerdings stellt das Siegel gemäß der aktuell gültigen Kriterien und Indikatoren keinesfalls sicher, dass z.B. Kahlschläge in den Bergwäldern vermieden werden. Irreversible oder zumindest sehr langfristige Beeinträchtigungen der Waldökosysteme sind wahrscheinlich. 

 

FSC Deutschland kommt nicht nur in der Sendung zu Wort, sondern veröffentlichte auch auf der Website eine Stellungnahme:

Vom FSC Deutschland herausgegebene Hintergrundinformationen zur Sendung „Markt“ im WDR am 6. Juni 2018, 20.15 Uhr (Stand 6.6.18)
2018-06-06_Hintergrund_WDR-Markt.pdf
PDF-Dokument [645.0 KB]

Zu den bemerkenswerten Einlassungen gehört, dass Kahlschläge von FSC als solche nicht als negativ bewertet werden: "Die flächige Entnahme von Bäumen, auch Kahlschlag genannt, stellt in vielen Ländern keinen Verstoß gegen die FSC-Standards dar. Diese Art der Bewirtschaftung wird vor Ort vielfach nicht negativ bewertet und daher auch von Akteuren aus dem Bereich Umwelt und Soziales weitgehend akzeptiert. Die Standards des FSC begrenzen vielfach die Fläche solcher Eingriffe und sichern Pufferzonen zu Gewässern und besonders schützenswerten Wäldern".

 

Ebenso wichtig ist, dass der FSC sich dazu bekennt, nicht vorrangig das zu nutzende Ökosystem erhalten zu wollen. Vergleiche hierzu die Kritik des FSC an der WDR-Redakteurin: "Die Autorin reduziert die Frage der Nachhaltigkeit vielfach auf die ökologische Nachhaltigkeit aus Sicht des Naturschutzes. Dies ist eine sehr wichtige und gute Position, der in allen FSC-Prozessen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit geschenkt wird. Trotzdem stellen ökologische Fragen nur einen Aspekt der Nachhaltigkeit dar. Sie alleine stehen nur für Natur-/Umweltschutz und nicht für Nachhaltigkeit im Sinne des echten Interessenausgleichs mit ökonomischen und sozialen Anforderungen an Waldbewirtschaftung". Das Drei-Kammer-System des FSC, nach dem ökonomischen Interessen ebensoviel Beachtung geschenkt wird wie der Grundlagen der Erhaltung ökosystemarer Funktionailität wird in Zulunft stärker zu diskutieren sein.

 

Der FSC bemängelt in seiner Stellungnahme auf der Internetseite, dass nicht hinreichend klar sei, wo die Filmaufnahmen entstanden seien. Die Bilder unten zeigen die geographische Lage. 

 

FSC: "Die gezeigten Waldbilder sind für Forstwirtschaft in dieser Region typisch. Es war jedoch nicht möglich, die gezeigten Bilder genauer zu bewerten, da nicht klar ist ob dieser Wald tatsächlich FSC-zertifiziert ist und um welchen Betriebsteil es sich konkret handelt. Eine abschließende Beurteilung des im Film gezeigten Waldbildes ist aus unserer Sicht in dieser Form nicht angemessen".

 

Tatsächlich lohnt ein Blick auf die Daten der University of Maryland, die für alle Jahre ab 2001 Jahr für Jahr nachvollziehen lassen, wo es zu Baum-Biomasseverlusten und entsprechenden Kahlschlägen gekommen ist - siehe Bild unten. Hiermit sei vorgeschlagen, dass der FSC analysiert und darstellt, wie auf den von ihm zertifizierten Flächen in den vergangenen Jahren gewirtschaftet worden ist. Zudem wäre es naheliegend, dass der FSC auf seiner Website ein geographisches Informationssystem anbietet, damit alle Verbraucher weltweit nachvollziehen können, wo und wie FSC-zertifiziertes Holz produziert wurde. Eine entsprechende Beweislast bzgl. der Darstellung, wo sich FSC-Flächen  befinden, betrifft den FSC - und nicht etwa Journalisten oder Wissenschaftler. Denkbar wäre ein sehr einfaches System mit Polygonen, die in Google Earth betrachtet werden können.

Das Centre for Econics and Ecosystem Management beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Untersuchung der Effektivität von Nachhaltigkeitszertifizierung. Hierzu wurde u.a. die ECOSEFFECT-Methode entwickelt. Erste Ergebnisse einer Studie zu FSC Russland wurden gerade veröffentlicht. Weitere werden folgen.

The German TV magazine Markt (WDR) questions the ecological effectiveness of FSC (FSC-Holz: Wirklich besser?). In the film, Pierre Ibisch expresses doubts if the current forestry practices as implemented in many parts of the Ukrainian Carpathians are sustainable. Vast areas - including FSC-certified areas - have been impacted by salvage logging of spruce stands and clearcuts. The national FSC standard as currently applied in Ukraine endorses (or at least does not prevent) clearcuts and substantial biomass extraction, even on steep slopes.  Pierre Ibisch, together with the film team, visited an area that was said by local foresters to be FSC-certified, where the forest cover was substantially reduced. FSC Germany, in a website communication, doubts that the site shown in the film was really FSC-certified. A first step towards clarification would be that FSC freely publishes the coordinates or polygons of the certified areas. It is alos recommendable that FSC analyses the global tree cover loss data made available by the University of Maryland, overlapping them with the certified areas 

Waldbestände auf Steilhängen in den ukrainischen Karpaten einige Jahre nach Holzeinschlag. Auf diesen Flächen, die nach Aussagen lokaler Forstangestellter FSC-zertifiziert sind, fragt ein WDR Filmteam, ob diese Art Forstwirtschaft wirklich nachhaltig ist. Die Karte zum Baumbiomasseverlust in der entsprechenden Region wird von der University of Maryland bereitgestellt, sie lässt nachvollziehen, welche Flächen seit 2001 von großflächigen (Kahl-)Schlägen betroffen waren. (Fotos: PL. Ibisch)